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Begleitforschung in der Identitätsfindung (Prof. Dr. Gabi Reinmann)

Von Stefanie Kretschmer am 11.01.2017

Begleitforschung im heterogenen Forschungsfeld

Verschiedene Forschungsansätze bzw. Bezeichnungen für Forschung haben eines gemeinsam: Nur in wenigen Fällen existiert eine konsensfähige Vorstellung davon, was gemeint ist und was nicht (mehr) dazugehört. Zu diesen wenigen Fällen dürfte die Experimentalforschung gehören: Wann man von einem Experiment sprechen kann, ist relativ eindeutig geregelt, auch wenn z.B. Bezeichnungen wie Quasi-Experiment oder Feldexperiment zeigen, dass selbst hier eine gewisse Variation möglich ist. Ähnlich sieht es für Begriffe wie Korrelationsforschung aus, die einigermaßen klare Aussagen zur Art der Erhebung und Auswertung von Daten machen und entsprechend wenig Interpretationsspielraum bieten. Richtig schwierig aber wird es, wenn es um Entwicklungsforschung, Interventionsforschung, Implementationsforschung, Evaluationsforschung, Transferforschung oder Wirkungsforschung, (Einzel-)Fallforschung, Handlungsforschung, Praxisforschung oder eben Begleitforschung geht – die Liste ließe sich erweitern.

Die Definitionen und Aufgaben von Forschungsansätzen wie den genannten variieren über die Zeit und zwischen Autoren ebenso wie zwischen Disziplinen. Die namensgebenden Forschungsschwerpunkte liegen meist nicht auf der gleichen logischen Ebene: Worte wie Entwicklung, Implementation und Transfer bezeichnen Prozesse; der Begriff der Evaluation verweist auf Bewertung und der Begriff der Wirkung auf die Orientierung am Ergebnis; die Bezeichnung Praxis markiert den Kontext; Worte wie Handlung und Fall bringen wieder andere Konstrukte in die Betrachtung von Forschung ein usw. Auch die Einteilung in Grundlagen- und Anwendungsforschung hilft in den Bildungswissenschaften (also pädagogischen, didaktischen, psychologischen, soziologischen und anderen Disziplinen, die sich mit Bildung beschäftigen) nicht unbedingt weiter: Da der Gegenstand divers ist (Bildung als Bildungssystem, als Bildungsangebot, als Bildungssituation, als individueller Bildungsprozess etc.) und zudem immer kulturelle (versus natürlich gegebene) Artefakte umfasst, die Menschen selbst gestalten und anwenden, ist schwer zu bestimmen, wann Forschung grundlegend ist und wann sie sich auf eine wie auch immer geartete Anwendung bezieht.

Ansprüche an die Begleitforschung

Betrachtet man die Begleitforschung im Kontext dieses letztlich diffusen Feldes verschiedener Forschungsansätze, relativieren sich die Probleme ihrer Definition und Abgrenzung und lassen einen nachsichtiger werden: Dass sich die Begleitforschung ihrer Identität nicht ganz sicher ist, teilt sie nämlich mit etlichen anderen Forschungsansätzen. Der Begriff selbst lädt allerdings zu besonders vielen Deutungen ein, denn er signalisiert lediglich, dass etwas mittels Forschung begleitet wird. Im Falle der Begleitforschung zum Qualitätspakt Lehre werden die vom BMBF geförderten Projekte zur Verbesserung von Studium und Lehre durch Forschung begleitet. Offen ist dabei, welches Forschungsverständnis als legitim gilt, und was es genau heißt, begleitend tätig zu sein. Die Erwartungen sind entsprechend divers und lassen die oben genannten Forschungsansätze in vielfachen Variationen und Kombinationen in die Begleitforschung einfließen. Begleitende Forschung kann und soll:

  • die Entwicklung neuer Strukturen und Maßnahmen für die Hochschullehre unterstützen,
  • dabei helfen, entwickelte Interventionen in Studium und Lehre umzusetzen,
  • förderliche und hinderliche Faktoren der Implementierung von Neuerungen erhellen,
  • die Prozesse und Ergebnisse neuer Strukturen und Maßnahmen evaluieren,
  • Informationen liefern, ob es einen Transfer von Neuem in andere Hochschulen gibt,
  • Belege und damit Evidenz dafür erbringen, dass entwickelte Interventionen wirken,
  • zunächst am Einzelfall zeigen, was prinzipiell funktioniert, aber natürlich auch
  • Erkenntnisse liefern, die das Handeln an Hochschulen generell verbessern, und
  • am Ende dazu beitragen, die Bildungspraxis besser zu machen.

Auf dem Weg zum Identitätskern der Begleitforschung?

So gesehen könnte man zu dem Schluss kommen, dass Begleitforschung ein Konglomerat aus Entwicklungsforschung, Interventionsforschung, Implementationsforschung, Evaluationsforschung, Transferforschung, Wirkungsforschung, (Einzel-)Fallforschung, Handlungsforschung, Praxisforschung und wohl noch einiges mehr ist. Dass dies definitorisch nicht eben wissenschaftlich und praktisch in jedem Fall überfordernd ist und in der Folge wohl nicht funktionieren kann, wird wohl kaum jemand in Zweifel ziehen. Wie löst man das Problem?

Rein logisch gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man macht den Vorstoß, Begleitforschung in die eine oder andere Richtung zu definieren, entsprechend einzugrenzen, passende Standards zu entwickeln und dann daraufhin zu wirken, dass sich dieses eine Verständnis durchsetzt – mit dem Ziel und in der Hoffnung, dass Begleitforschung irgendwann einmal so wenig Interpretationsspielraum bietet wie Experimentalforschung. Oder man verzichtet auf eine eindeutige Definition, bestimmt allenfalls den Rahmen der Begleitforschung und legt je nach Bedarf die konkreten Aufgaben einer spezifischen Begleitforschung fest. Das hieße dann, dass es Begleitforschung gibt, die sich auf die Entwicklung etwa didaktischer Maßnahmen konzentriert oder die Prozesse der Implementierung untersucht oder konkrete Evaluationsfragen beantwortet oder die Wirksamkeit von Maßnahmen mit Generalisierungsanspruch analysiert usw.

Ich tendiere zur zweiten Lösung, weil es kaum gelingen wird, mit einem einzigen Verständnis von Begleitforschung der Diversität der geförderten Projekte im Qualitätspakt Lehre gerecht zu werden. Und wenn wir davon ausgehen, dass der Qualitätspakt Lehre ein zwar besonderer, aber auch typischer Fall von Projektförderung im Kontext von Studium und Lehre ist, sollte das auch über den Qualitätspakt Lehre hinaus gelten. Damit wäre die Begleitforschung keineswegs der Beliebigkeit preisgegeben. Vielmehr geht es um eine begründete Eingrenzung der Aufgaben bzw. um eine begründete Schwerpunktsetzung. Die Begründung für Schwerpunkt und Aufgaben könnte gar zum Merkmal einer verantwortungsbewussten Begleitforschung werden.

Resonanz auf die Begleitforschung

Dass eine Forschung, die Projekte der Bildungspraxis an Hochschulen begleitet, auf diese zurückwirkt und einen Beitrag dazu leisten sollte, Studium und Lehre besser zu verstehen und zu gestalten, liegt auf der Hand. Begleiten kann ja nicht heißen, dass man quasi ungesehen und unbemerkt, teilnahmslos und verantwortungslos neben der Bildungspraxis herläuft und das, was man dabei erkennt, so kommuniziert, dass nur diejenigen es hören und verstehen, die mit der Bildungspraxis nichts zu tun haben – der Begriff der Begleitforschung würde schlichtweg sinnlos werden. Resonanz bei denen, die an der Hochschullehre direkt oder indirekt beteiligt sind, ist folglich ein Indikator dafür, ob tatsächlich Begleitforschung stattgefunden hat. Da es sich um Forschung handelt, ist aber auch Resonanz aus den tangierten Bildungswissenschaften vonnöten. Forschen heißt immer auch, die erzielten Erkenntnisse öffentlich und kritisierbar zu machen, sie in die fachwissenschaftliche Diskussion einfließen zu lassen und auf diesem Wege sicherzustellen, dass nicht einfach nur lokale Probleme gelöst werden, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse (mit welchem Generalisierungsanspruch auch immer) resultieren. Das unterscheidet die Begleitforschung vom Qualitätsmanagement. Ob diese doppelte Verantwortung Übersetzungsleistungen erforderlich macht, dürfte von den jeweils selbst gesetzten Aufgaben, zugrundliegenden Fragestellungen und eingesetzten Methoden abhängig und mal mehr, mal weniger erforderlich sein. Angesichts der interdisziplinären Verschränkung bildungswissenschaftlichen Tuns im Kontext Hochschule halte ich es für eine wissenschaftliche Tugend, Verständlichkeit per se anzustreben. Immerhin müssen auch Wissenschaftler/innen untereinander sicherstellen, keiner bloßen Illusion des Verstehens zu unterliegen. Eine auf Verstehen abzielende klare und präzise Sprache mag ihre Grenzen haben; diese erst einmal zu erreichen, darf sich gerade die Begleitforschung gerne zum Ziel setzen.






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