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Die multiplen Identitäten der Begleitforschung?! Ein Versuch der Systematisierung (AProf. Dr. Tobias Jenert)

Von Stefanie Kretschmer am 09.02.2017

Begleitforschung, wissenschaftliche Begleitung, Evaluation, Transfer, Beratung… – die Liste diskussionswürdiger Begriffe, die um das Thema begleitender Forschung kreisen, ist lang und ließe sich noch fortsetzen. Was genau unter Begleitforschung verstanden wird, ist höchst unterschiedlich und teils auch kontrovers – das zeigt sich in den bisherigen Blogbeiträgen von Peer Pasternack und Gabi Reinmann ebenso wie in den Diskussionen am Workshop ‚Lost in Translation‘ (gefördert von der VolkswagenStiftung) letzten Herbst in Hannover. Die wissenschaftliche Disziplin mag eine wichtige Rolle dabei spielen, was unter Begleitforschung verstanden und was als zulässig erachtet wird: Für manche (Teil-) Disziplinen – etwa der Bildungswissenschaften – scheinen ‚Begleitung‘ und ‚Gestaltung‘ ganz selbstverständlich nahe beieinander zu liegen. Demgegenüber schließen sich ‚Gestaltung‘ und ‚Forschung‘ für die Vertreter*innen manch anderer Disziplinen gegenseitig aus.

Mit der Frage nach der Beziehung zwischen (lehrbezogener) Begleitforschung und Hochschulsteuerung, Thema des kommenden Workshops Anfang März 2017, kommt sogar noch eine Komplexitätsstufe hinzu. Denn wenn begleitende Forschung die Steuerung von Hochschulen unterstützen soll, geht es nicht mehr nur um die Beziehung zwischen den Forschenden und dem Forschungs- bzw. möglicherweise Gestaltungsgegenstand. Vielmehr kommt noch die Frage der Darstellung von Ergebnissen und Erkenntnissen gegenüber Entscheidern*innen in Hochschulleitungen und der Hochschulpolitik hinzu. Und diese Entscheider*innen werden häufig nicht den Erfolg (und damit die potenzielle Unterstützungswürdigkeit) einer einzelnen Intervention zu beurteilen haben, sondern innerhalb vieler möglicher Gestaltungsoptionen und begrenzter Ressourcen Prioritäten setzen müssen. Es geht also darum, das Management bzw. die Entwicklung von Policies zu informieren und, das lässt sich bei aller wissenschaftlichen Distanziertheit nicht vermeiden, zu beeinflussen. Konkret kann man sich dabei Fragen vorstellen wie „Soll sich unsere Hochschule (alternativ: unser künftiges Förderprogramm) auf die Gestaltung der Studieneingangsphase konzentrieren? Oder die Qualifizierung der Lehrenden auf den neuesten Stand bringen? Oder hat man mit Evaluationen nicht doch einen kräftigeren Hebel zur flächendeckenden Verbesserung der Lehrqualität? Sollen die neuen Curricula überfachliche Skills fördern, oder geht es im Kern nicht doch um ‚harte‘ Fachkenntnisse? …“. Wird Begleitforschung mit solchen Fragen konfrontiert, kommt zur Forschungs- und gegebenenfalls Gestaltungsaufgabe noch eine strategische (und möglicherweise politische) Dimension.

Angesichts dieser vielschichtigen Beziehungen zwischen Forschenden, Forschungsgenstand und ‚Abnehmenden‘ bzw. Entscheidern*innen halte ich es (übereinstimmend mit Gabi Reinmann) für wenig zielführend, ein Begriffsverständnis von Begleitforschung zu etablieren. Um hier zu einer differenzierteren Diskussion zu gelangen, könnte man über verschiedene Ausprägungen von Begleitforschung nachdenken. Diese ließen sich beispielsweise anhand von unterschiedlich ausgeprägten Konstellationen zwischen Forschenden, Gegenstand und ‚Abnehmenden‘ beschreiben. Folgende Fragen wären in diesem Zusammenhang denkbar, um solche Konstellationen näher zu bestimmen:

  • Worüber bestimmen sich Problemstellung und Forschungsfragen?
    Aus dem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse der Forschenden oder einer Gestaltungsfrage der ‚Abnehmenden‘?
  • Wie interagieren die Forschenden mit dem Forschungsgegenstand?
    Werden Wirkungen bestehender Interventionen / Programme / etc. ‚aus der Distanz‘ bestimmt? Werden Praktiker*innen bei der Weiterentwicklung von Interventionen / Programmen / etc. unterstützt und/oder beraten? Werden Interventionen gestaltet und implementiert; sind die Forschenden Teil der Intervention?
  • In welchem Verwertungszusammenhang steht die Forschungsarbeit?
    Sollen grundlegende Erkenntnisse über Wirkungszusammenhänge gewonnen oder erweitert werden? Soll der Erfüllungsgrad vorab festgelegter Ziele i.S.e. Evaluation bestimmt werden? Soll die Wirksamkeit einer Intervention / eines Programms in einem bestimmten Anwendungskontext erforscht werden? Soll eine Beurteilung einer Intervention / eines Programms als Entscheidungsgrundlage (z.B. auch nach Kriterien ökonomischer Effektivität) für Verantwortliche in (Hochschul-) Management und -politik erfolgen.

Obgleich diese Fragen keinesfalls geeignet sind, Begleitforschungsprojekte erschöpfend zu beschreiben, könnten sie doch eine gewisse Diskussionshilfe darstellen. So sind über die Kombination verschiedener Ausprägungen in den drei Fragekomplexen vielfältige Arten von Begleitforschungsvorhaben denkbar. Und ausgehend davon ergeben sich wiederum unterschiedliche Anforderungen an die Rolle der Forschenden sowie an die Leistungen der eingesetzten Forschungsdesigns. Aus meiner Sicht wäre das Ziel ‚guter‘ Begleitforschung, stimmige Forschungsvorhaben zu erreichen, bei denen der angestrebte Verwertungszusammenhang, die untersuchten Problemstellungen sowie die eingesetzten Forschungsdesigns möglichst widerspruchsfrei zusammenpassen.





Kommentare


Gabi Reinmann | 11.02.2017

Ich stimme der Auffassung zu, dass es für die Begleitforschung ganz wesentlich ist, in das Beziehungsgeflecht von Forschenden und „Forschungsgegenstand“ auch die Hochschulpolitik und Hochschulleitungen mit hinzuzunehmen – wobei mir dann in dieser Liste die Lehrenden selbst fehlen, da diese doch noch (immerhin) eine gewisse Autonomie in ihrem Lehrhandeln haben. Auch die vorgeschlagenen Fragen halte ich für sinnvoll. Allerdings sehe ich die Zweiteilung bei der ersten Frage „Worüber bestimmen sich Problemstellung und Forschungsfragen?“ kritisch - jedenfalls, wenn man sich da entscheiden soll zwischen „aus dem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse der Forschenden“ und „einer Gestaltungsfrage der ‚Abnehmenden‘“. In dem Fall nämlich erfolgt wieder eine Trennung zwischen Erkenntnis und Gestaltung, deren Aufhebung oder zumindest Relativierung gerade die Begleitforschung anregen könnte. Die nachfolgende Frage nach der Form der Interaktion des Forschenden mit dem „Gegenstand“ zeigt ja dann ebenfalls, dass die erste Frage zu kurz greift. Was den Verwertungszusammenhang betrifft, so werden hier im Prinzip dieselben Fragen gestellt, die man schon im Kontext der Evaluationsforschung seit langem diskutiert (ich nenne jetzt mal nur Stockmann als einen der Autoren – siehe z.B.: http://www.ceval.de/modx/fileadmin/user_upload/PDFs/workpaper9.pdf). Ob wir da jetzt möglicherweise eine Diskussion nur wiederholen?


Tobias Jenert | 13.02.2017

Danke für den Kommentar und die gute Beobachtung! Tatsächlich habe ich die erste Frage ungünstig formuliert und 'reine Erkenntnis' der Wissenschaft, 'Gestaltung' der Praxis zugeordnet. So war es nicht gemeint - ich wollte lediglich den Ursprung der Problemstellung verorten. Ich hätte besser schreiben sollen: "...aus dem Erkenntnis- bzw. Gestaltungsinteresse der Forschenden oder der Abnehmenden?". Ich möchte mit dieser Frage also ein Augenmerk auf die Akteurskonstellation legen und nicht so sehr auf die Art des Forschungsprozesses.



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