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Begleitforschung im Konfliktfeld von Interessen (Prof. Dr. Uwe Wilkesmann)

Von Stefanie Kretschmer am 19.04.2017

In den vorhergegangenen Beiträgen dieses Blogs von Peer Pasternack, Gabi Reinmann, Tobias Jenert, Eva Cendon und Annika Maschwitz, Andrä Wolter sowie Marianne Merkt sind schon mehr oder weniger alle Aspekte der Definition und Abgrenzung einer Begleitforschung von und neben anderen Formen der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation vorgenommen worden. Gesondert möchte ich noch einmal auf den Beitrag von Rico Defila und Antonietta Di Giulio auf dem Workshop „Lost in Translation“ in Hannover hinweisen, den auch Tobias Jenert explizit erwähnt und verlinkt hat (https://de.kobf-qpl.de/fyls/91/download_file_inline/), weil hier eine sehr knappe, aber dennoch präzise Differenzierung zwischen folgenden drei Typen von Begleitforschung vorgenommen wird:

  1. ‚Komplementär’ – Begleitforschung als Ergänzung (die Rolle der Begleitforschung ist die eines weiteren Projektes, das parallel zu den anderen Projekten stattfindet),
  2. ‚Meta’ – Begleitforschung erforscht stattfindende Prozesse (die Rolle der Begleitforschung ist die Metaperspektive, indem die Forschung in den Projekten zum Gegenstand gemacht wird),
  3. ‚Synthese’ – Begleitforschung verstärkt Synergie und Diffusion (die Rolle der Begleitforschung ist die der Moderation, Beratung, Coaching).

Auf unterschiedliche Rollen und Rollenkonflikte hat auch Andrä Wolter in seinem Beitrag hingewiesen. Zwar können sich die Akteure der Begleitforschung über ihre Rollenkonflikte klar werden, aber dies löst meiner Meinung nach nicht das Problem, weil die eigentliche Ursache dieser Probleme ein Konfliktfeld unterschiedlicher Interessen der verschiedenen Stakeholder ist. Wie lässt sich dieses Interessenkonfliktfeld beschreiben?

  1. Interessen der Auftraggeber: Die Auftraggeber, meist Ministerien oder große Stiftungen, haben ein Legitimationsproblem zu lösen. Sie müssen zeigen, dass das ausgegebene Geld ‚sinnvoll’ (was immer das heißen mag) angelegt wurde. Daher vermischt sich sehr schnell ein internes Evaluationsinteresse mit einem externen Kommunikationsinteresse, welches die Projekte als ‚erfolgreich’ zu klassifizieren hat. Intern sollen die Projekte also auf gewisse Erfolgskriterien hin kontrolliert werden. Extern muss gegenüber anderen Abteilungen im Ministerium, die um die gleichen Ressourcen konkurrieren, der Ministeriumsspitze, der Öffentlichkeit oder (im Falle von Stiftungen) den Geldgebern verdeutlicht werden, dass die geförderten Projekte erfolgreich waren und somit das Geld in Konkurrenz zu anderen Förderlinien oder Ausgabemöglichkeiten sinnvoll angelegt wurde. An diesem Ende des Interessenfeldes bestehen also Erwartungen an bestimmte Zielerreichungen, die der Begleitforschung in der Regel als Rahmenbedingungen ihrer Arbeit mehr oder minder offen kommuniziert werden. Diese Handlungslogik ähnelt stark der in Management-Strategieberatungen oder der in Rankings hinterlegten Logik. Da dieses Interesse als Geldgeber für die Begleitforschung auftritt, ist es für diese wirkmächtig.
  2. Interesse der Projekte: Die Projektmitarbeiter_innen sind in der Regel einer wissenschaftlichen Logik verpflichtet, da sie im Wissenschaftssystem arbeiten und Karriere machen wollen. Sie haben also ein Interesse an möglichst großer Forschungsfreiheit und der Erreichung von Zielen, die für die eigene wissenschaftliche Karriere relevant sind (z. B. Promotion, Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel in hochrangigen Journals, Patente und z. T. Industriekontakte). Deshalb möchten sie jede Form externer Kontrolle zurückweisen. Zusätzlich besteht eine Angst vor wissenschaftlicher Konkurrenzsituation, indem die Begleitforschung möglicherweise ihre Arbeitsergebnisse benutzt, um diese für eigene Veröffentlichungen zu verwenden, in der dann die eigene Autorenschaft nur eine von vielen ist. Das Interesse der Projekte drückt sich somit in einer (meist schon prophylaktischen) Zurückweisung jeder Anfragen oder Ansprüche der Begleitforschung aus, was den Erfolg der Begleitforschung beeinträchtigen kann.
  3. Interesse der Begleitforschung: Die Begleitforschung möchte eine möglichst selbstbestimmte Rolle wählen und changiert häufig zwischen einer Beratung der Projekte und einer wissenschaftlichen Logik, in der das Begleitforschungsprojekt den dort tätigen Mitarbeiter_innen in der eigenen wissenschaftlichen Karriere dienlich ist. Sie versucht damit (wenn dies nicht explizit Auftrag ist) die Evaluations- oder plumpe Legitimationsinteressen des Auftraggebers genauso zurückzuweisen, wie die Konkurrenzinteressen der Projekte. Auch hier geht es den einzelnen Mitarbeiter_innen darum, nach dem Projektende weitere qualifikatorische Karriereoptionen und/oder Anschlussverträge generieren zu können. Das individuelle Interesse der Mitarbeiter_innen ist somit – wie bei den Projekten selbst – von der Logik des Wissenschaftssystems geleitet.

Ob und wie die Lösung dieses Interessenkonfliktes gelingt, entscheidet mit darüber, ob Begleitforschung sich als eigenständige und anerkannte Form wissenschaftlicher Betätigung durchsetzen und etablieren kann. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie als Forschung zweiter Klasse angesehen wird.

Das eigentliche Problem des Qualitätspakts Lehre ist aber auch durch Begleitforschung nicht zu lösen, nämlich das Problem, wie Lehre einen höheren Status (im Vergleich zur Forschung) erreichen kann. Dies ist ein generelles Problem der Governance von akademischer Lehre. Empirische Evidenz weist darauf hin, dass dies weder mit selektiven Anreizen für die Lehre (Wilkesmann und Schmid 2011), noch mit Markt-Strukturen für die Lehre (Wilkesmann 2016) zu lösen ist. Vielmehr bedarf es institutioneller Verankerungen, die ‚teaching entrepreneurs’ (Schmid und Lauer 2016) ermöglicht und langfristig einen anderen, neuen Status der Lehre in der Organisation Hochschule zuerkennt, indem internalisierte Formen der Lehrmotivation im Rahmen einer transformationalen Governance unterstützt und aktiv gefördert werden (Wilkesmann 2016).

 

Literatur

Schmid, Christian J. und Sabine Lauer. 2016. Institutional (teaching) entrepreneurs wanted! – Considerations on the professoriate’s agentic potency to enhance academic teaching in Germany. In Organizing Academic Work in Higher Education. Teaching, learning and identities, Hrsg. Liudvika Leisyte  und Uwe Wilkesmann, 109-131. London: Routledge.

Wilkesmann, Uwe. 2016. Teaching matters, too – Different ways of governing a disregarded institution. In Organizing academic work in higher education: Teaching, learning, and identities, Hrsg. Liudvika Leisyte  und Uwe Wilkesmann, 33-54. New York, London: Routledge.

Wilkesmann, Uwe und Christian J. Schmid. 2011. Lehren lohnt sich (nicht)? – Ergebnisse einer deutschlandweiten Erhebung zu den Auswirkungen leistungsorientierter Steuerung auf die universitäre Lehrtätigkeit. Soziale Welt 62 (3): 251-278.






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